Hätte ich geahnt, wie sehr die zeitgenössische Populärmusik immer mehr in digitale Gleichschaltung und dumpfe Verblödung ausartet, wäre ich lieber Schuster geworden. Dann hätte ich es heute mit dem Käse andererleuts Füße und nicht mit dem Käse andererleuts „Musikschaffen" zu tun. Doch als ich anfing, die Musik zu entdecken, war alles anders: man schrieb anno 1959, „Grobschnitt" stand noch als Trockenmilch in der Apotheke bzw. als Hüter im Tabakladen und die härteste Gitarre im Radio war die von Les Paul. Musik sollte das Herz erfreuen. Nix Message, nix Aggressionen, nix Triefsinn - Drogen gab's allenfalls in der Drogerie und Glatzen nur bei Opas. Klar, die Revolution der Beatles ging später dann schon tierisch ab und Onkel Zappa schmiss seine Maden in die Mädchenzimmer. Aber man konnte immer noch selbst entscheiden, wen oder was man mit seinem Taschengeld unterstützen wollte, weil nicht alles als „unbedingt nötig" oder „in“ war.
Eigentlich machte ich in den 60’ern meine Musik in erster Linie für mich selber, hatte Spaß daran, wollte keinen damit belästigen und spielte die Stücke ab und zu mal Freunden vor. Man muss aus einem Hobby ja nicht unbedingt ein Geschäft machen.
Das änderte sich, als in den 70’ern die Plattenindustrie, die sich wohl auch besser auf Betonplatten konzentriert hätte, anfing, den Musikern einzutrichtern, dass mit Musikvermarktung Kohle zu machen sei, wenn man sich an gewisse Spielregeln hielte. Wie viel mehr Kohle dabei für die Industrie abfällt, wurde natürlich geflissentlich verschwiegen. Klar, auch wir wollten dann mit Schallplatten bekannt werden, Knete verdienen. Zumindest so viel, dass man davon (über)leben konnte.
Die „Wolkenreise" hatte ich 1978 eigentlich für eine Bühnenshow bei Grobschnitt entworfen. Doch als das Ding plötzlich als Hit losging, stand ich dabei und bewunderte das mit den Augen eines Kindes, das zum ersten Mal ein Feuerwerk sieht: gebannt, erschrocken, aber immer wieder hingucken. Heute hab' ich übrigens ein ähnliches Gefühl, wenn die roten Golfs und tiefergelegten Hondas mit zweimal 1000 Watt Dänz-Glänz an meinem Garten vorbei hopsen. Pum Pum lässt grinsen und stumpf ist Trumpf...
Ich habe noch immer meine alten Vinyls im Schrank. Träume altern nicht, sie reifen mit der Zeit wie guter Wein. Tornados und Shadows neben Cream, Zappa und Lynyrd Skynyrd. Und komischerweise auch D.J. Faith, obwohl ich annehme, dass der schon längst wieder vergessen ist. Aber es tauchen auch immer wieder gute, neue Bands auf: Sum 41 genieße ich, Inextremo mag ich, Linkin’ Park und Nickelback höre ich mit Vergnügen und Slipknot halte ich derzeit für die konsequenteste Band der Welt. Und trotz meiner eigenartigen Karriere hielt ich viele meiner eigenen Stücke weiter im Schrank versteckt. Spielte sie höchstens mal guten Freunden vor. Einige davon holte ich 1998 für die Compilation „Eroc’s Wolkenreisen" (Repertoire Records 4710) heraus. Die andere Seite von mir: Nix Wolken, nix Schweben, nix Träume... Message, Aggression, Irrsinn – so wie damals mit Toni. Und ein paar weitere werde ich als Bonus-Tracks verbraten, wenn bei Universal meine Soloalben demnächst auf CD erscheinen - alles Titel, entstanden 1971 bis 1998, die kaum nie einer gehört hat und die mich heute fast noch mehr faszinieren als damals.
Auch wenn P.E.H. vom Maraboo daraufhin wieder schreiben würde (wenn er denn noch schreiben würde), das alles wäre doch „besser im Schrank geblieben" - ich verunsichere die musikalische Welt nach wie vor mit dem allergrößten Vergnügen, denn die Zeit ist reif und Remscheid ist nicht weit…
EROC, Dezember 2004 und (noch) weiter…